Archäologie in Niedersachsen 1, 1998

Vorwort

Erzähle mir die Vergangenheit, und
ich werde die Zukunft erkennen.
Konfuzius

Nach neuen Untersuchungen ist die Archäologie eine der im Bewußtsein der Öffentlichkeit mit am höchsten angesiedelten Wissenschaften. Dabei wird vorrangig an die klassischen Disziplinen und antiken Hochkulturen im Mittelmeerraum/Ägypten und Vorderen Orient gedacht. Aber archäologische Forschung spielt sich tagtäglich auch vor unserer Haustür ab: Der Flächenstaat Niedersachsen bewahrt auf seinen über 47.000 Quadratkilometern eine fast unermeßliche Fülle von archäologischen Denkmälern und Funden, die Zeugnisse von über 500.000 Jahren Menschheitsgeschichte in Norddeutschland sind. Zu ihnen gehören Spuren der frühen eiszeitlichen Menschen und Relikte der ersten ackerbautreibenden Kulturen der Jungsteinzeit. Sie geben ein Bild von den metallverwendenden Kulturen der Bronze- und Eisenzeit. Sie beleuchten die Welt der Germanen zur Zeit der römischen Kaiser und spiegeln den Verlauf der Völkerwanderung; schließlich führen sie in die städtische und ländliche Kultur des Mittelalters über die Neuzeit bis hin zur industriellen Welt.

Die im Boden verborgenen Urkunden - Siedlungen, Gräber, Befestigungen, Spuren wirtschaftlicher oder religiöser Aktivität - können nur durch die Archäologie entziffert und zum Sprechen gebracht werden. Allein durch sie läßt sich Geschichte für jene Zeiträume rekonstruieren, für die keine oder nur wenige Schriftquellen existieren. Für die Zeit des Mittelalters und der Neuzeit ergänzen und korrigieren sie das Geschichtsbild.

Seit einigen Jahrzehnten vollzieht sich auch in Niedersachsen eine hastige Umgestaltung der Landschaft durch Wohnbau- und Gewerbegebiete. Trassen für Verkehr und Pipelines schlagen Schneisen durch das Land und zerstören weitflächig archäologische Fundplätze in nie gekanntem Ausmaß. Neben der Forschung ist hier ein wichtiger Ansatzpunkt für die archäologische Arbeit gegeben, denn was nicht geschützt  im Boden verbleiben kann, muß im Zuge von Rettungsgrabungen dokumentiert und gesichert werden. In Niedersachsen sind an dieser Arbeit mehrere Institutionen beteiligt, die alle - gemessen an der Fülle ihrer Aufgaben - technisch und personell nicht ausreichend ausgestattet sind. In Zeiten leerer öffentlicher Kassen ist solches wohl eher die Regel, doch gerade deshalb wollen die in der Archäologischen Kommission für Niedersachsen e.V. zusammengeschlossenen Archäologen der Öffentlichkeit die Ergebnisse ihrer Arbeit in neuer Form präsentieren: Die immer neuen Aspekte der Landesgeschichte, die von der Archäologie und den mit ihr kooperierenden Disziplinen ermittelt werden, sollen möglichst aktuell weit verbreitet werden. Gerade in den letzten Jahren sind in Niedersachsen faszinierende Funde gemacht und enorme wissenschaftliche Erträge erzielt worden - sie ab jetzt in dieser Reihe darzustellen, soll nicht nur Verständnis für die Belange der Denkmalpflege, der Museen und der Forschung werben. Absicht ist auch, Rechenschaft abzulegen über die Verwendung zumeist öffentlicher Mittel, das allgemeine Interesse an der frühen Geschichte des Landes zu wecken und zu vertiefen, um zu einem sorgsameren und verantwortungsbewußten Umgehen mit deren Zeugnissen aufzurufen.

Denkmalschutz und Denkmalpflege in Niedersachsen obliegen dem Ministerium für Wissenschaft und Kultur als oberster Behörde, als obere Behörden fungieren das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege, die vier Bezirksregierungen und als untere Denkmalschutzbehörden die Städte und Landkreise. Den Bezirksregierungen und den unteren Denkmalschutzbehörden kommen vor allem die praktischen Aufgaben zu, darunter auch die Ausgrabung gefährdeter Fundstellen vor Ort. Die Bezirksregierungen und zunehmend Städte und Landkreise halten dafür Fachkräfte in ihren Diensten, hinzu kommen Archäologen bei Regionalverbänden sowie ehrenamtlich Beauftragte, die in ihrer Freizeit tätig werden. Sie alle werden vom Referat Archäologie im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege (Hannover) unterstützt. Eine Einrichtung für interdisziplinäre Forschung ist das Institut für historische Küstenforschung in Wilhelmshaven. Die universitäre Lehre und Forschung ist lediglich am Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Universität Göttingen vertreten. Funde und Ergeb­nisse der archäologischen Arbeit werden in zahlreichen regionalen Museen präsentiert, große Dauer- und Sonderausstellungen bieten die archäologischen Abteilungen der Landesmuseen in Hannover, Oldenburg und Braunschweig (Wolfenbüttel).

Kolleginnen und Kollegen aus diesen Institutionen haben schnell und uneigennützig ihre Beiträge zu diesem ersten Band der Archäologie in Niedersachsen beigesteuert, wofür ihnen herzlicher Dank gebührt. So, wie der Erfolg der neuen Reihe vom Inhalt abhängig ist, so ist ihr Erscheinen der Bereitschaft des Isensee-Verlages in Oldenburg zu verdanken, der zugleich für einen akzeptablen Verkaufspreis gesorgt hat.

Die Artikel dieses Bandes sind den historischen Epochen entsprechend zeitlich geordnet. Gleichwohl wird sich jede Ausgabe einem an den Anfang gestellten Schwerpunktthema widmen. Für diesen Band haben wir das Neolithikum gewählt: Gerade aus der Jungsteinzeit, der Ära der ersten seßhaften, Ackerbau und Viehwirtschaft betreibenden Gesellschaften in Nord­deutschland, sind jüngst aufsehenerregende Neuentdeckungen bekannt geworden.

Wir wünschen dem ersten Band der Archäologie in Niedersachsen, den wir mit viel Freude aus der Taufe gehoben haben, eine zahlreiche Leserschaft. Damit wir auch in der Zukunft ein aktuelles Forum bieten können, bitten wir um Anregungen oder auch Kritik. Wie wohl keine andere Teildisziplin der Geschichtsforschung wird die Archäologie durch die Faszination ständig neuer Entdeckungen und veränderter Sichtweisen geprägt. Dies den Lesern zu vermitteln, ist das wichtigste Anliegen der neuen Reihe.

Für die Archäologische Kommission für Niedersachsen e.V. :  Die Redaktion

 

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