Archäologie in Niedersachsen 4, 2001

Vorwort

Unsere Sicht auf die Dinge ist stets von dem jeweiligen Kenntnisstand geprägt, von der Menge der Informationen und Details, die wir erhalten oder erarbeitet haben. Dies gilt für gegenwärtige Vorgänge und Situationen, z. B. für politische Zusammenhänge, ebenso wie für das Wissen um historische Gegebenheiten. Allerdings: Je weiter die Ereignisse und Umstände zeitlich zurückliegen, desto geringer ist die Anzahl der darüber Auskunft gebenden Quellen. Mit dem Nachlassen der schriftlichen und bildlichen Überlieferung sind zunehmend die archäologischen Zeugnisse gefragt, die ihrerseits spärlicher werden, wenn es auf der Zeitskala nach unten geht. Doch nicht nur die Erforschung der frühen Zeiten erfordert eine möglichst breite Quellenbasis, auch noch für die Geschichte des Mittelalters sind möglichst vielfältige Informationen zu erschließen, so, wie Archäologie in Niedersachsen in der vorletzten Ausgabe gezeigt hat.

Damit zum Kern des vorliegenden Bandes: Die Archäologen sind seit jeher bemüht gewesen, über die Aussagemöglichkeiten ihres eigenen, oft genug spröden Fundmaterials hinaus zu kommen. Dies bezieht sich zunächst auf die Möglichkeiten naturwissenschaftlicher Datierungsmethoden wie der Dendrochronologie und der Radiokarbonanalyse (14C-Methode). Was aber liegt darüber hinaus näher, als direkt Menschen- und Tierknochen, Pflanzenreste, Metalle, Keramik, Glas u.v.m. von entsprechenden Fachleuten untersuchen zu lassen? Der Archäologie geht es schließlich um die möglichst vollständige Erschließung früherer Lebenswelten. Was liegt näher, als Geologen, Geographen, Wirtschafts-, Sozial-, Sprach- und Volkskundler, Historiker u.a. in die Arbeit einzubeziehen? Der Archäologie liegt es ebenso an der umfassenden Rekonstruktion der Umweltbedingungen früherer Zeiten; und sie will wissen, welche Wechselwirkungen bestanden haben, eben, wie die Menschen ihren jeweiligen Lebensraum inklusive Fauna und Flora genutzt und verändert haben. Aus dieser Vergangenheit hat sich unsere heutige Welt entwickelt; aus diesen Prozessen sind Prognosen für die Zukunft ableitbar: Meeresspiegelerhöhungen und Gebirgserosionen sind aktuelle Themen und sogar Ängste.

Der vierte Band der Archäologie in Niedersachsen stellt wie keiner vor ihm die vielfältigen und stark miteinander verwobenen Stränge der Forschung in unserem Bundesland unter dem Schwerpunktthema Archäologie und Naturwissenschaften zusammen. Das dazu einleitende Kapitel hat freundlicherweise Prof. Siegmund von der Universität Basel in der „neutralen“ Schweiz übernommen. Dank seiner niedersächsischen Wurzeln kann er die Gelegenheit beim Schopfe packen und muß die Funktionen der Nachbardiziplinen nicht einzeln referieren. Vielmehr sieht er sich mehrfach gezwungen, auf die durch den Rotstift bedrohten kleinen Fächer hinzuweisen, die so ungemein wichtige Beiträge zu unser aller Vergangenheit leisten. Andererseits zeigen die nachfolgenden Beiträge, daß die von Siegmund geforderte Vernetzung, die nicht zwingend der staatlichen Vorgabe bedarf, vielfach schon erreicht ist und fruchtbare Ergebnisse liefert. Sie orientiert sich aber — das sei eingestanden — eher an den gleich gearteten persönlichen Interessen einzelner Forscher und ihrer gegenseitigen Animation denn an finanzieller Förderung. Diesbezüglich existiert in Niedersachsen wirklich dringender kultur- und wissenschaftspolitischer Handlungsbedarf.

Außer den Beiträgen zum Schwerpunktthema sind wieder zahlreiche Berichte aus allen Teilen Niedersachsens aufgenommen worden, die ebenfalls beredtes Zeugnis von der Vielfalt der archäologischen Aktivitäten ablegen: Von steinzeitlichen Bestattungen bis zum neuzeitlichen Schiffswrack reicht die Bilanz der Neufunde. Vielfach stecken auch mehrjährige Bemühungen und Recherchen hinter den hier immer nur kurzen Darstellungen. Es zeigt sich aber erneut, daß die ur- bzw. vorgeschichtlichen Themen in der Minderzahl bleiben. Stehen unsere diesbezüglichen Ressourcen im Gelände vor dem Aus?

Den mitarbeitenden Kolleginnen und Kollegen an den staatlichen Einrichtungen, bei den Kommunen und sonstigen Institutionen sei wiederum für die engagierte Mitarbeit gedankt. Dieses auch fachübergreifende Miteinander unter dem Dach der Archäologischen Kommission für Niedersachsen e.V. hat unserer Reihe Archäologie in Niedersachsen zu einer mittlerweile breiten Akzeptanz verholfen. In diesem Sinne wollen wir gern weiter für unsere Leser arbeiten und aktuell informieren.

Die Redaktion    

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