Archäologie in Niedersachsen 6, 2003

Vorwort

Archäologie in Niedersachsen besteht traditionell aus zwei Teilen: den aktuellen Berichten aus der Landesarchäologie und einem Schwerpunktthema. Für das alljährlich von der Redaktion festgelegte Schwerpunktthema werden gezielt Autoren angesprochen, von denen informative Beiträge zu erwarten sind. Das Schwerpunktthema dieses Bandes, Der historische Moment, stellte ein besonderes Wagnis dar: Es geht nicht um ein gut abgrenzbares und erforschtes Thema. Vielmehr gellt es um den Versuch, nicht nur historische Zustände, sondern auch konkrete Vorgänge und Ereignisse zu beleuchten und nachzuweisen. Die Arbeit an der Schnittstelle zwischen Archäologie und traditioneller Geschichtswissenschaft muß mit kriminalistischer Akribie und methodischer Sorgfalt geführt werden. Der Archäologie kommt dabei die Aufgabe der Spurensicherung zu, ergänzend, kontrollierend oder auch korrigierend zu den in den Schriftquellen überlieferten Aussagen von Zeugen und Beteiligten. Im Extremfall muß die Analyse der Archäologen soweit hieb- und stichfest sein, daß sie auch dann ein Ereignis erschließen läßt, wenn die schriftlichen Quellen hierzu vollständig schweigen.

Ereignisgeschichtliche Deutungen archäologischer Grabungsbefunde werden nur selten vorgenommen. Als sich das Redaktionsteam für diesen Themenschwerpunkt entschied, herrschte die Befürchtung vor, daß wohl nur wenige Beiträge eingehen würden. Um so größer war die Überraschung, als es schließlich nicht weniger als 17 Artikel aus der Feder von insgesamt 16 Autoren waren, die dieses Thema von vielen Seiten beleuchten. Die große Resonanz zeigt uns, daß offensichtlich viele Archäologen bereit sind, neue Fragen an gewohnte Quellen zu stellen.

Archäologie quo vadis? Während gut besuchte große Ausstellungen eine Flut von populären Schriften und Fernsehsendungen dem ungebrochenen und sogar steigenden Interesse der breiten Öffentlichkeit Rechnung tragen, beginnen in Niedersachsen angesichts leerer Kassen im Kulturbereich grundlegende Diskussionen über Organisationsstrukturen in der Denkmalpflege. Unser kleines Fach wird sich wieder seiner Haut wehren müssen, damit die Befähigung zur Bewältigung der Aufgaben nicht noch weiter eingeschränkt wird. Vor diesem Hintergrund stellen die Kolleginnen und Kollegen die Leistungsbereitschaft der niedersächsischen Archäologie auch in diesem Band wieder unter Beweis. Sie werden sich an den künftigen Debatten konstruktiv beteiligen und dabei stets ein gewichtiges Argument auf ihrer Seite haben: Immer noch sind wesentliche Elemente der niedersächsischen Ur- und Frühgeschichte weitgehend unbekannt und unerforscht, während das Gefährdungspotential für den Bestand der archäologischen Quellen so groß ist wie nie zuvor.

Die Redaktion

AiN

Vorwort AiN 7: Juni 2004!

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