Archäologie in Niedersachsen 8, 2005

Vorwort

Archäologie in Niedersachsen Band 8 steht unter einem ebenso naheliegenden wie - bei genauerer Betrachtung - schwierigen Thema: Handwerk ist heute der Inbegriff für qualitätvolle Produktion im kleinen Maßstab, individuell, arbeitsintensiv, mit traditionellen Techniken usw. Handwerk steht kontrapunktisch der modernen Massenproduktion gegenüber und ist damit zugleich ein Gegenentwurf zur "Wegwerfgesellschaft", ein Gegenentwurf freilich, der angesichts zunehmender Globalisierung mehr und mehr zum Anachronismus gerät. Die "Goldenen Zeiten" des Handwerks lokalisiert man gefühlsmäßig immer mehr in der Vergangenheit, und deshalb scheint dieses Thema auch bei den Archäologen nicht schlecht aufgehoben zu sein.

Aber vielleicht machen wir es uns da auch zu einfach. Handwerk meint eigentlich weniger eine technische Spezialisierung, als vielmehr eine spezielle Form der Organisation von Produkten, die dann allerdings von einem bestimmten technischen und sozialen Kontext konfiguriert wird. Das klassische Handwerk ist eine Produktionsform des Mittelalters und der frühen Neuzeit in Europa, und Handwerk im außereuropäischen Raum oder in der Dritten Welt ist trotz ähnlich anmutender Produktionsbedingungen nur bedingt vergleichbar mit europäischen Entwicklungen. Dies berücksichtigend versteht man die Probleme, die entstehen, wenn man Handwerk und handwerksähnliche Produktionsformen für die vormittelalterlichen Epochen der Ur- und Frühgeschichte untersuchen will: Ohne die handwerkliche Perfektion vieler, zum Teil jahrtausende alter Produkte in Frage zu stellen, läßt sich die Frage nach dem Hintergrund der ihrer Herstellung nur schwer beantworten. Deshalb nimmt es nicht wunder, wenn gerade die den frühen Epochen in diesem Band gewidmeten Beiträge immer wieder um die Frage kreisen: Noch Handwerk - oder schon Handwerk?

Ein Kennzeichen handwerklicher Produktion sollte die schon angesprochene hohe Qualität sein. Derselbe Maßstab sollte auch bei politischen Entscheidungen angelegt werden können, die unsere heutige Welt in zum Teil rasanter Folge immer stärker ändern. Manchen mögen Zweifel überfallen, ob dem im Einzelnen immer so ist. Gerade die Änderungen in der niedersächsischen Denkmalpflege seit Beginn dieses Jahres geben dazu Anlaß: Mit der Auflösung der Bezirksregierungen und der Neuordnung der Denkmalpflege scheint die flächendeckende Betreuung unseres Bundeslandes kaum noch sichergestellt werden zu können und ein wichtiges Element der Kulturhoheit der Länder erfährt sukzessive Aushöhlung. Ursache hierfür ist die handstreichartige Übertragung der Trägerschaft öffentlicher Belange an die kreisfreien Städte und die Landkreise. Die Trägerschaft öffentlicher Belange war in der Vergangenheit das wirkungsvollste Instrument, um archäologische Kulturdenkmale in die Bauleitplanung (Flächennutzungspläne, Bebauungspläne) zu integrieren und so zu schützen. Nicht nur die Denkmale konnten so geschützt werden, sondern auch die Bürger, die durch rechtzeitige Information vor unliebsamen Überraschungen bei Beginn der Erdarbeiten bewahrt wurden. Bislang war dies die wohl wichtigste Aufgabe der Bezirksarchäologen. Überall da, wo Stadt- und Kreisarchäologen arbeiten, werden sie diese Aufgaben in Zukunft problemlos weiterführen können.

 In weiten Teilen Niedersachsens wird die Trägerschaft öffentlicher Belange jetzt aber von Unteren Denkmalschutzbehörden übernommen, die über keinen eigenen archäologischen Fachverstand verfügen. Im Interesse der archäologischen Denkmalpflege und Funde muß eine zeitnahe Beratung durch die Stützpunkte oder die Zentrale des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege sichergestellt und auch in Anspruch genommen werden. Zu befürchten steht aber, daß die Zukunft weniger Archäologie und mehr Konflikte zwischen Bürgern und Archäologen bringen wird. Einzige Möglichkeit, dieses Konfliktpotential zu entschärfen, wäre ein erheblicher Zuwachs an Grabungsmitteln und Personal für das Landesamt, um der stetig zunehmenden Notgrabungen aufgrund von Planungsmängeln Herr werden zu können. Doch auch hier sind die gegenteiligen Signale gesetzt: Personal und Sachmittel werden in den kommenden Jahren um ca. 25 % reduziert werden.

 Angesichts dieser Situation besteht für die Archäologie in Niedersachsen wenig Anlaß, allzu optimistisch in die Zukunft zu blicken. Vielleicht kann aber ein Blick zurück - auf die Geschichte des Handwerkes - dem Leser eine entspannende Alternative zur pessimistisch gefärbten Gegenwartsdiagnose geben.

Die Redaktion

AiN

Vorwort AiN 9: Juni 2006!

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