Archäologie in Niedersachsen 9, 2006

Vorwort

Mit der Wahl des diesjährigen Schwerpunktes kam das den leiblichen Genüssen durchaus zugeneigte Redaktionsteam dem wiederholten Wunsch nach, Essen und Trinken zu thematisieren. Doch je mehr wir uns mit diesem Thema befassten, desto komplexer wurde es. Vor allem rückte zunehmend die Erkenntnis in den Vordergrund, dass die heute selbstverständliche Fülle und Sattheit am Ende einer Entwicklung stehen, in deren Verlauf Hunger und Entbehrung keine Seltenheit waren. Grabfunde zeigen uns heute, dass nicht nur arme, sondern auch reiche Leute davon betroffen sein konnten.

Wer würde sich nicht wünschen, einen trunkenen Silen zu fangen, um alles, was man berührt, in Gold zu verwandeln? Genau dies ist dem antiken König Midas passiert. Als selbst seine Speisen zu Gold wurden, magerte er ab und tat Buße. Er erkannte, dass sein sehnlichster Wunsch ihn dem Hungertod auslieferte. Doch Dionysos hatte ein Einsehen und riet ihm, ein Bad im Fluss Patros zu nehmen, der seitdem Gold führt. Diese Sage vermittelt die tiefe Einsicht, dass alles Geld und Gold der Welt nicht essbar ist.

Das arme Mädchen aus dem Uchter Moor musste Mangel leidvoll erfahren. In ihrem kurzen fünfzehnjährigen Leben erlebte sie elf Hungersnöte – in Vorzeit und Mittelalter war das kein Einzelfall, sondern wohl eher die Regel. Die Bauern taten zwar das ihrige, aber die Götter mussten auch gewogen sein. Die Sonne und der Regen zur rechten Zeit wollten erbeten sein. Götter hatten so ihre Eigenarten. Es war keineswegs leicht, mit ihnen zu handeln, ihnen Opfer darzubringen, um sich den Ernteertrag zu sichern.

Für Archäologen von heute dokumentiert sich dies in Weihe- und Grabfunden. Eine Vielzahl von Gefäßen – Holzeimer, Tonschalen, Glasbecher, Krüge und Tassen – belegen den hohen Stellenwert der Speisen sowohl in flüssiger als auch in fester Form. Da die Nahrungsgewinnung ein beherrschendes, um nicht zu sagen bedrückendes, tägliches Problem war, ist das Märchen vom Schlaraffenland seit dem Mittelalter der Gegenpol zum realen Leben. Die tägliche Plackerei und der periodische Hunger werden einfach wunschgemäß durch ihr Gegenteil ersetzt. Also machen Sie es wie die Schlaraffen und genießen Sie die Lektüre. Zumindest den Lesehunger kann dieser Band lindern.

Die Redaktion

AiN

Vorwort AiN 10: Juni 2007!

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