Archäologie in Niedersachsen 11, 2008

Vorwort

Im Küstenland Niedersachsen spielt die Arbeit in feuchten Böden für Archäologen eine derartig große Rolle wie nirgendwo sonst in Deutschland. Gewässerränder, das Wattenmeer, die Moore, verlandete Uferzonen und Stillgewässer bestimmen weithin das Landschaftsbild im Flachland nördlich der Mittelgebirge. Über Jahrtausende hinweg hat die Erschließung dieser siedlungsfeindlichen Landschaften ihren Bewohnern Energie und Können im hohen Maße abverlangt: Wasserläufe wurden kanalisiert, die Küste der Nordsee durch Deiche reguliert, bäuerliche Ansiedlungen auf künstlichen Hügeln, sog. „Wurten“, vor den Sturmfluten geschützt. Noch in den Flusstälern der Mittelgebirge wurden ganze Stadtquartiere auf meterhohen Aufschüttungen inmitten feuchter Niederungen gegründet – mit allen daraus resultierenden baustatischen Folgen bis heute. Gleichzeitig waren Küsten und Flüsse seit alters her wichtige kulturelle und wirtschaftliche Lebensadern.

Auch die Archäologen mussten erst lernen, mit den sehr speziellen Gegebenheiten dieses Lebensraumes umzugehen. Hohe Grundwasserstände und extreme Bodenverhältnisse stellen sie vor enorme grabungstechnische Herausforderungen. Gleichzeitig erwiesen sich die durchfeuchteten Böden aber auch als ein Bodenarchiv mit spektakulären Erhaltungsbedingungen für Fundmaterialien, die an anderer Stelle nicht die geringsten Überlieferungschancen hätten: Hölzer, Leder, Textilien, Reste von Menschen, Tieren, Pflanzen und anderes mehr aus organischen Materialien. Schon früh hat sich vor diesem Hintergrund in Niedersachsen – ähnlich wie in den benachbarten Niederlanden – eine spezielle Ausrichtung der Archäologie entwickelt, die durch eine be­sonders enge Zusammenarbeit mit den naturwissenschaftlichen Disziplinen gekennzeichnet ist. Das Niedersächsische Institut für historische Küstenforschung ist eine bundesweit einzigartige Forschungseinrichtung, die diesen speziellen Aufgaben Rechenschaft trägt. 21 Beiträge des diesjährigen Themenschwerpunktes von Archäologie in Niedersachsen stellen die norddeutsche Feuchtbodenarchäologie in allen Facetten und mit ihren speziellen Problemen und Chancen vor.

Spannende Forschungen und Entdeckungen erfolgen aber auch auf den Sandböden der Geest, im Löß der Börden und in den Mittelgebirgszonen des südlichen Niedersachsen. Der aktuelle Band von Archäologie in Niedersachsen zeigt in seinem zweiten Teil, wie vielseitig die Beiträge sind, die eine gut aufgestellte archäologische Denkmalpflege zur Erforschung der Landesgeschichte beizusteuern vermag. Gerade weil viele der aktuellen Forschungen erst Jahre später aufgearbeitet und publiziert werden können, bietet Archäologie in Niedersachsen eine einzigartige Möglichkeit, sich aktuell über die neuesten Entdeckungen zu informieren.

Die Redaktion

AiN

Vorwort AiN 12: Juni 2009!

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