Archäologie in Niedersachsen 13, 2010

anstatt eines Vorwortes

40 Jahre Archäologische Kommission für Niedersachsen e.V.

von Rolf Bärenfänger

Der Fachverband der niedersächsischen ArchäologenInnen feierte am 4. März 2010 sein 40jähriges Bestehen. Wie im Fluge scheint die Zeit seit dem 30. Geburtstag der Archäologischen Kommission vergangen zu sein, an den ich damals ebenfalls an dieser Stelle erinnert habe. In den seither in den Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte erschienen Jahresberichten sind die Aktivitäten der Kommission mitsamt den Programmen der Tagungen und den neu erschienen Publikationen nachzulesen. Auf der Web-Seite www.ak-niedersachsen.de ist dies ebenfalls zu verfolgen. Auch die vorliegende Reihe Archäologie in Niedersachsen berichtet regelmäßig, und zwar in erster Linie für die interessierte Öffentlichkeit. Gerade was diese Zeitschrift angeht, hat sich der Einsatz der Kräfte gelohnt und eine Erfolgsspur gelegt. Wie vor zehn Jahren versprochen, hat die Archäologische Kommission also nachhaltig gearbeitet, weil sie sich den vor 40 Jahren entwickelten Zielen und den gestellten Aufgaben unvermindert verpflichtet fühlt.

Der Kommission gehören heute fast 30 fördernde und etwa 200 persönliche Mitglieder an. Die jährlichen Fachtagungen haben mit jeweils rund 100 Teilnehmern mehr Zuspruch als je zuvor. Ein höheres Engagement für die archäologische Sache ist in Niedersachsen bisher wohl kaum konzentriert gewesen. Interessant ist dabei besonders die Altersstruktur: Während sich Ältere, aus dem aktiven Dienst ausgeschiedene KollegenInnen, zum Teil zurückziehen, bleiben andere außerordentlich präsent. Und in den vergangenen Jahren ist ein wahrlicher Zuwachs an Jüngeren zu registrieren, die sich anschicken, auch in den Publikationen der Archäologischen Kommission ihre Spuren zu hinterlassen, weil sie z.B. ihre Abschlussarbeiten über Themen in Niedersachsen verfasst haben. So haben sie zum Erfolg der Reihe Beiträge zur Archäologie in Niedersachsen beigetragen, von der seit der Begründung im Jahre 2000 bereits 14 Bände herausgekommen sind. Aus der Arbeit der Kommission heraus müsste es also steil bergauf gehen.

Gleichwohl haben sich die Rahmenbedingungen für die niedersächsische Archäologie in der Zwischenzeit stark verändert. Dies meint jetzt nicht den dramatisch fortschreitenden Verlust von Fundstellen und ihre nachhaltige Bedrohung durch Baumaßnahmen und sich wandelnde Umwelteinflüsse durch moderne landwirtschaftliche Techniken. Gemeint sind vielmehr die Organisationsform und die Ausstattung in Denkmalpflege und Forschung als auch neue Trends in der musealen Welt sowie die Anpassung der universitären Lehre an gesamteuropäische Verhältnisse. Dabei hatte das von hochkarätigen auswärtigen Beratern erstellte und im Jahr 2000 dem Ministerium für Wissenschaft und Kultur übergebene „Gutachten zur Situation der Archäologie in Niedersachsen“ zunächst große Hoffnung auf eine Wende zum Besseren geweckt. In der Rückschau ist aber kaum eine der dort gegebenen Empfehlungen umgesetzt worden. Eher das Gegenteil, ein fortschreitender Rückzug des Staates, ist zu beobachten, wie besonders die Entwicklung am Landesamt für Denkmalpflege zeigt. Als Fachbehörde mit ohnehin nur noch beratender Funktion wurden ihm nach der Abschaffung der Bezirksregierungen im Jahre 2005 zwar die vier Bezirksarchäologien zugeschlagen, deren Fachaufsicht über die Unteren Denkmalbehörden und die Trägerschaft öffentlicher Belange wurden jedoch nicht übertragen. Dafür wurden Landkreisen und Städten Aufgaben übertragen, ohne sie allerdings zu verpflichten, entsprechendes Fachpersonal anzustellen. So ist bis heute nur etwa ein Fünftel der mehr als 90 Unteren Denkmalbehörden in Niedersachsen mit ArchäologenInnen ausgestattet. Das Landesamt selbst hat aktuell den Verlust gleich mehrerer Stellen durch Pensionierung zu verkraften, die wegen der angestrebten Verschlankung der Verwaltung nicht wiederbesetzt werden sollen. Eine solch ohnehin kleine Institution kommt damit an den Rand der Arbeitsunfähigkeit. Erste Auswirkungen sind mit dem Ausbleiben des Erscheinens der „Niedersächsischen Fundchronik“, die seit 1994 regelmäßig und pünktlich vorlag, spürbar. Andere Bundesländer legen deutlich stärkeres Gewicht auf entsprechende Zusammenschauen der jährlichen Bilanz, die ja nicht nur der Öffentlichkeit als auch den Wissenschaftlern erste Kenntnis von neuen Funden und Ausgrabungen geben, sondern ebenso Rechenschaftsberichte für den Hauptfinanzier, und zwar den Steuerzahler, sind.

Im Kontext der archäologischen Denkmalpflege ist wohl derzeit die sog. Konvention von Malta der einzige Lichtblick. Sie trat nach der Ratifizierung durch die Bundesrepublik Deutschland 2003 in Kraft und erhielt für alle Bundesländer Gesetzeskraft. In erster Linie regelt sie die Kostenpflicht für Rettungsgrabungen bei der geplanten Zerstörung eines Denkmals, die gesetzlich jetzt der Verursacher, also der Bauherr, zu tragen hat. Was so einfach klingt, ist noch längst nicht überall in der Praxis umgesetzt, weil es an der flächendeckenden Versorgung mit Fachkräften mangelt. Auch muss Fall für Fall einzeln verhandelt werden, was primär dem Landesamt und verstärkt auch den kommunalen Archäologien obliegt. Sind dann entsprechende Verträge unterzeichnet, mangelt es in den Regionen an zusätzlichem Personal, das die Grabungen durchführt. So werden verstärkt Grabungsfirmen als kommerzielle Unternehmen beauftragt. Sie leisten in der Regel wohl ebenso gute Arbeit wie die staatlichen und kommunalen Dienststellen, sind aber mehr als diese den ökonomischen Zwängen unterlegen und in den Regionen mit ihren spezifischen Fragestellungen und inhaltlichen Problemen nicht verwurzelt. Die wissenschaftliche Auswertung und die abschließende Publikation der Ergebnisse fällt entsprechend aus oder unterbleibt ganz. In Niedersachsen steht diese Entwicklung noch am Anfang mit sicherer Prognose zu zunehmender Tendenz. Der Weg wird deshalb nicht an einer Zertifizierung dieser Unternehmen vorbeiführen. Wie in anderen Bundesländern erprobt, müssen Qualitätsstandards formuliert und eingezogen werden, die dem Staat über das Landesamt für Denkmalpflege eine Kontrolle des Geschehens geben. Nur damit können auch die so gewonnenen archäologischen Quellen für die Landesgeschichte dauerhaft gesichert werden.

Die Zukunft der niedersächsischen Archäologie liegt wie auch anderswo in der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Es ist ja ungute Tradition, dass das Land Niedersachsen an seinen Universitäten und Hochschulen nur in Göttingen einen einzigen Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte besitzt. Auch unter Mitwirkung verschiedener Lehrbeauftragter konnte so die fachliche Vielfalt, mit der ein Flächenstaat quer durch die Epochen aufwartet, forschungsmäßig nie befriedigend abgedeckt werden. Da nimmt es nicht Wunder, wenn die frühe Geschichte des Küstenraumes durch die Aktivitäten des Instituts für historische Küstenforschung in Wilhelmshaven besser erschlossen ist als die der meisten anderen Regionen. Hinzu kommt, dass kleine, aber für die Archäologie wichtige Nachbarfächer zunehmend aussterben.

Für die Universität kommt nun obendrauf die erzwungene Anpassung an europäische Gepflogenheiten: die Einführung der Studiengänge zum Bachelor und Master of Arts. Ersterer erfordert nur mehr sechs Semester bis zum Abschluss, da können Grundkenntnisse und -bedürfnisse des Faches nur noch im Vorbeiflug inhaliert werden. Was für große Fächer mit breit gefächerten Entfaltungsmöglichkeiten sinnvoll sein mag, trifft die kleine Archäologie ins Mark: Sie erfordert nach wie vor von der Pieke auf unterrichtete und dann kundige und versierte Spezialisten. Es gibt in Deutschland mittlerweile die Möglichkeit, ein Studium der Archäologie abzuschließen, ohne eine einzige Stunde auf einer Ausgrabung verbracht zu haben! Ohne einschlägige Förderung wird es unter diesen Vorzeichen in der Zukunft auch immer weniger Wissenschaftler geben, die das Fach qualifiziert voranbringen. Dies schließt die kleinen Nachbarfächer ebenso ein wie spezielle Bereiche der Naturwissenschaften, deren Beiträge für die archäologischen Ergebnisse immer wichtiger werden.

Bleiben die Museen, die Schaufenster der niedersächsischen Archäologie: Gerade die Landesmuseen fungieren als Schnittstelle zwischen Denkmalpflege, Forschung und der Öffentlichkeit. Sie erfüllen einen nicht zu unterschätzenden Bildungsauftrag, indem sie u.a. Ergebnisse und Methoden der archäologischen Forschung und Denkmalpflege fachlich abgesichert etwa für Schulklassen und Jugendliche aufbereiten oder spezielle pädagogische Programme für Familien auflegen. Wie es die vielen Heimatmuseen und andere auf der unteren Ebene tun, stiften sie regionale Identität. In dem „Land der Regionen“, als das Niedersachsen von politischer Seite vielfach gerühmt wird, ist solches von großer Bedeutung. Deshalb sollten bedeutende Funde vorzugsweise in den Landesmuseen präsentiert werden und nicht in Installationen, deren Einrichtung primär der Wirtschafts- und Tourismusförderung geschuldet ist, wie jetzt manchenorts beobachtbar wird. Dieser Trend läuft dem gesetzlich verankerten Bildungsauftrag der Landesmuseen zuwider.

Unter dem Dach der Archäologischen Kommission hat sich 2006 der Arbeitskreis der niedersächsischen MuseumsarchäologenInnen etabliert. Das war auch ein Ergebnis der Zusammenarbeit für die große Landesausstellung „Archäologie – Land – Niedersachsen“, die 2004/05 in den Landesmuseen zu sehen gewesen ist und die überall großen Zuspruch erfuhr. Die Ergebnisse in Kalkriese zur Varus-Schlacht 2009 hat sie natürlich nicht erreicht. Schwer einzuschätzen ist, warum die Ausstellung der ältesten Speere der Menschheit in Braunschweig und Hannover 2007/08 in der Öffentlichkeit nur relativ geringen Anklang fand. Derzeit ist vermehrt zu beobachten, dass mit viel Aufwand von weit außerhalb heran geholte Ausstellungen oft nur geringe Besucherscharen anziehen, weil sie wohl lediglich für den speziell Interessierten attraktiv sind. Bei all den Bemühungen der Ausstellungsmacher bleiben aber hoffentlich aus Beton gegossene Vitrinen, in denen der Betrachter mittels eines Dynamos selbst für Beleuchtung sorgen muss, auch fürderhin die Ausnahme.

Zusammengenommen ist die Bilanz also deutlich ernüchternder als noch vor zehn Jahren. Nun war früher wahrlich nicht alles besser und mancher Zopf gehört in der Tat abgeschnitten. Doch wenn immer weniger Fachleute immer mehr Arbeit zu leisten haben, ist der Weg in die Oberflächlichkeit vorprogrammiert. Da versperrt ein großer Erfolg schneller Events dann den Blick auf das Eigentliche und kaschiert mühsam deren Unzulänglichkeiten. Schon schwappt aus dem Amerikanischen der Begriff „quick and dirty“ herüber, also rasch hingeworfen und ohne solide fachliche Basis. In dieser Situation nur noch „Leuchttürme“ gut auszustatten und mit Brennstoff zu versorgen, ist sicher kein guter Weg. Denn überall im Land brennen mehr oder weniger große regionale Feuer von enormer Attraktivität. Und genau hier hat der Flächenstaat Niedersachsen seine nach wie vor größte Chance, sein Profil hinsichtlich seiner Ur- und Frühgeschichte zu schärfen, um letztlich auf vielen Feldern davon zu profitieren: die archäologischen Quellen in ihrer Gesamtheit in ihrer Wechselwirkung mit Natur und Umwelt als lebendigen Bestandteil der heutigen Kultur zu sehen, den es zu erhalten, zu erschließen und schließlich fachgerecht und zeitgemäß zu präsentieren gilt. Aus den Regionen für Europa: Es würde viel Kraft und Geld kosten, aber warum sollte Niedersachsen nicht wirklich „Archäologieland“ werden?

Vor dem Hintergrund dieser derzeit nicht erfreulichen Situation wird die Rolle der Archäologischen Kommission auch in der Zukunft vor allem darin liegen, als Sprachrohr aller niedersächsischen ArchäologenInnen zu fungieren. Sie muss weiterhin für den Zusammenhalt sorgen und neue KollegenInnen integrieren. Denn der Generationenwechsel wird sich fortsetzen, worin Chancen liegen, die es zu fördern und zu entwickeln gilt.

 

Literatur:

Bärenfänger, R.: 30 Jahre Archäologische Kommission für Niedersachsen e.V. Archäologie in Niedersachsen 3, 2000, 131-132.

Peters, H.-G.: Die Archäologische Kommission für Niedersachsen – eine Bilanz. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 69, 2000, 375-388.

Satzung der Archäologischen Kommission für Niedersachsen e.V. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 73, 2004, 293-298.

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Vorwort AiN 14: Juni 2011!

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